Mit einer biegsamen Welle wird eine Bauteilkante im Maschinenraum entgratet.

ISO 13715 Kanten: Symbole, Vorzeichen und Fertigungsfolgen

16 Oktober 2026

DIN EN ISO 13715:2020, die deutsche Fassung der auf ISO 13715:2017 beruhenden europäischen Norm, regelt die Angabe von Kanten unbestimmter Gestalt. Sie definiert das Kantensymbol und die Vorzeichen +, − und ±. Damit lassen sich Grat, Übergang und Abtragung sprachunabhängig auf der Zeichnung festlegen, ohne dass die Fertigung raten muss.


Kurz gesagt:

  • Für geometrisch festgelegte Fasen mit Winkel und Maß gilt ISO 129 Teil 1; ISO 13715 betrifft nur Kanten ohne festgelegte geometrische Form.
  • Lesen Sie Vorzeichen stets zusammen mit der Maßzahl und unterscheiden Sie Innenkanten von Außenkanten, denn die Bedeutung der Zeichen hängt vom Kantentyp ab.
  • Die allgemeine Angabe steht rechts oben; tragen Sie abweichende Anforderungen mit einem Pfeil an der betroffenen Kante ein und markieren Sie asymmetrischen Abtrag ausdrücklich.
  • Bei einer Abtragung mit Minuszeichen stimmen Sie das Abtragsmaß vor Serienbeginn auf das Schleifmittel ab; ein Probeteil zeigt, ob Vorgabe und Prozess zusammenpassen.

Biax-flexwellen
Kanten an schwer zugänglichen Stellen bearbeiten
BIAX Flexwellen übertragen Drehmoment und Rotation in enge Bereiche und eignen sich für Entgraten, Schleifen und weitere Nachbearbeitung.

Inhaltsverzeichnis

Zweck, Anwendungsbereich und aktuelle Fassung der Norm

Die Norm entstand als ISO 13715:2017, wurde als EN ISO 13715:2019 übernommen und liegt in Deutschland als DIN EN ISO 13715:2020 vor. Laut BSI Knowledge ist dies die maßgebliche Ausgabe für Kantenangaben. Sie richtet sich an Konstrukteure und enthält Anwendungsbeispiele.

Inhaltlich deckt sie ab:

  • Begriffe zu Kanten unbestimmter Gestalt, also Kanten ohne geometrisch definierte Form
  • Regeln für die Angabe und Bemaßung auf Zeichnungen
  • Proportionen und Maße der grafischen Symbole
  • Beispiele zur praktischen Anwendung

Ist eine Kante geometrisch definiert, etwa als Fase mit festem Winkel und festem Maß, greift nicht diese Norm, sondern ISO 129‑1. Wer beides vermischt, schreibt Zeichnungen, die sich nicht eindeutig lesen lassen. Die Originalnorm sollten Sie deshalb immer zur Hand haben, wenn Sie Angaben für kritische Bauteile festlegen.

Grundsymbol, Vorzeichen und Maßzahlen richtig lesen

Das Grundsymbol besteht aus einem Rechtwinkel mit Pfeil. Seine Proportionen gibt die Norm vor, freihändige Varianten sind kein Ersatz. Entscheidend ist, was davor und daneben steht.

  1. Vorzeichen +: Ein Grat bzw. Überstand ist zulässig, die Kante darf also Material über der Idealform haben.
  2. Vorzeichen −: Material muss abgetragen werden, die Kante liegt nach der Bearbeitung unter der Idealform.
  3. Vorzeichen ±: Beides ist innerhalb der angegebenen Grenzen zulässig, Übergang oder Abtragung.
  4. Maßzahl: Sie begrenzt die Größe, die der Grat oder die Abtragung höchstens erreichen darf. Ein Wert allein sagt ohne Vorzeichen wenig.

Typische Lesefehler entstehen bei Innenkanten. Dort bedeutet ein Vorzeichen etwas anderes als bei Außenkanten, und genau hier greift die Unterscheidung zwischen Grat, gratfrei, Übergang und Abtragung, wie sie Technisches-zeichnen für Außen- und Innenkanten erläutert. Wer ein Minuszeichen als bloße Toleranzangabe versteht, plant Entgratschritte, die die Zeichnung gar nicht verlangt.

Platzierung auf der Zeichnung: allgemeine und einzelne Angaben

Die allgemeine Kantenangabe steht in der Ecke rechts oben, sie gilt für alle Kanten ohne eigene Angabe. Das hält die Zeichnung schlank. Abweichungen werden dann einzeln mit Pfeil an der betreffenden Kante eingetragen.

Einzelangaben sind sinnvoll, wenn:

  • Funktionsflächen enger toleriert sind als der Rest, etwa Dichtsitze oder Lagerlaufbahnen
  • Montagekanten gratfrei sein müssen, damit Fügen ohne Beschädigung gelingt
  • Unterbaugruppen mit unterschiedlichen Anforderungen auf einer Zeichnung zusammenkommen
  • die Richtung von Übergang oder Abtragung relevant ist und asymmetrisch angegeben wird

Bei asymmetrischen Angaben kennzeichnen Sie, auf welcher Seite der Kante der Abtrag oder Übergang liegen soll. Fehlt diese Richtung, entscheidet der Werker nach Gefühl, und die Prüfung kann später nichts nachweisen. Begrenzte Bereiche, zum Beispiel nur ein Kantenabschnitt, kennzeichnen Sie mit einer Bereichsmarkierung statt einer Pauschalangabe.

Was ISO 13715 für Entgraten und Nachbearbeitung bedeutet

Das Vorzeichen bestimmt das Verfahren. Bei + reicht oft ein entgratender Schritt, der den losen Grat entfernt. Bei − braucht es materialabtragende Werkzeuge, die eine definierte Kantenbrechung erzeugen. Der Unterschied schlägt auf Werkzeugverschleiß und Rüstzeiten durch. Wie En-standard hinweist, erhöhen zu strikte Kantenanforderungen den Fertigungsaufwand und Verschleiß.

Typische Verfahren und ihre Einordnung:

  • Rotierende Schleifmittel für gezielten Abtrag bei −
  • Bürsten für Gratentfernung und Kantenverrundung bei + oder ±
  • Biegsame Wellen für Kanten an schwer zugänglichen Stellen, etwa in Bohrungsverschneidungen oder Innenkonturen

Eine biegsame Welle trägt das Werkzeug dorthin, wo ein starrer Antrieb nicht hinkommt, und behält dabei die Drehzahl des Antriebs. Praxiswissen dazu finden Sie in unserem Beitrag zum effizienten Entgraten mit flexiblen Wellen und zu Lösungen für schwer zugängliche Bereiche.

Profi-Tipp: Stimmen Sie bei − das Abtragsmaß mit dem gewählten Schleifmittel ab, bevor die Serie anläuft. Ein Probeteil zeigt, ob Zeichnungsvorgabe und Prozessparameter zusammenpassen.

Mit einer biegsamen Welle wird eine Kante am Probeteil bearbeitet.

So spezifizieren Sie Kanten normgerecht

Eine umsetzbare Zeichnung entsteht in wenigen, klar getrennten Schritten:

  1. Unterscheiden Sie jede relevante Kante nach Außen- und Innenkante.
  2. Legen Sie fest, ob Grat, gratfrei, Übergang oder Abtragung gefordert ist, und wählen Sie das passende Vorzeichen.
  3. Setzen Sie Maßzahlen nur, wo die Funktion sie verlangt, und begründen Sie sie mit Blick auf die Nachbearbeitung.
  4. Tragen Sie eine allgemeine Angabe rechts oben ein und ergänzen Sie nur die Abweichungen als Einzelangabe.
  5. Prüfen Sie Richtungsangaben bei asymmetrischen Kanten und Toleranzbänder auf Widersprüche.

Neutral formuliert sieht das so aus: allgemeine Angabe mit Vorzeichen + und Maßzahl für alle Kanten, dazu eine Einzelangabe mit − an der Dichtkante. Fertigung und Qualitätssicherung können das direkt in Arbeitsplan und Prüfplan übernehmen.

Profi-Tipp: Ergänzen Sie bei Bedarf einen Hinweis auf das bevorzugte Nachbearbeitungsverfahren. Unsere Checkliste zur Oberflächenqualität hilft bei der Übergabe an die Fertigung.

Warum präzise Kantenangaben Nacharbeit sparen

Wir sehen in der Praxis immer wieder dasselbe: Wo die Zeichnung eine Kante nur grob beschreibt, wird im Zweifel zu viel oder zu wenig bearbeitet. Das eine kostet Zeit und Werkzeug, das andere führt zu Reklamationen an Montagekanten. Eine biegsame Welle ist in unseren Entgratanwendungen ein Werkzeug unter mehreren, und sie spielt ihre Stärke dort aus, wo die Zeichnung eine definierte Kante an schlecht erreichbarer Stelle verlangt. Mein Standpunkt: Die Norm nützt erst, wenn Konstruktion und Fertigung dieselbe Sprache sprechen. Wer das Vorzeichen bewusst setzt, spart sich spätere Diskussionen. Weiterführende Technikinhalte zur Integration finden Sie in unserem Überblick zum industriellen Entgraten.

Passende biegsame Wellen für Kanten an schwer zugänglichen Stellen

Für das Nachbearbeiten solcher Kanten bieten wir Betätigungswellen, Antriebs- und Werkzeugwellen sowie veredelte biegsame Wellen an. Wir passen die Auslegung an Ihre Zeichnungsvorgaben an, etwa an Drehmoment, Drehzahl und Anschlussmaße. Schildern Sie uns Ihre Anwendung über das Kontaktformular, dann erstellen wir ein technisches Angebot.

FAQ

Welche Norm legt die Angaben zum Kantenbruch fest?

Die Angaben zu Kanten unbestimmter Gestalt regelt ISO 13715, in Deutschland als DIN EN ISO 13715:2020 gültig. Sie legt Symbole, Vorzeichen und Maßangaben für Außen- und Innenkanten fest. Geometrisch definierte Kanten fallen unter ISO 129‑1.

Wie werden unsichtbare Kanten im technischen Zeichnen dargestellt?

Unsichtbare Kanten zeichnen Sie als schmale Strichlinie. Die Kantenangabe nach ISO 13715 setzen Sie dennoch an der Ansicht, in der die Kante eindeutig zuzuordnen ist, oder als allgemeine Angabe rechts oben.

Welche Normen gelten für technische Zeichnungen?

Für Kanten unbestimmter Gestalt ist DIN EN ISO 13715:2020 maßgeblich. Daneben spielt ISO 129‑1 für geometrisch definierte Formen eine Rolle. Ob weitere Zeichnungsnormen zutreffen, hängt vom Bauteil ab.

Wie unterscheiden sich Außen- und Innenkanten in ISO 13715?

Die Norm behandelt beide getrennt und beschreibt jeweils Grat, gratfrei, Übergang und Abtragung. Ein Vorzeichen vor der Maßzahl legt fest, in welche Richtung die Abweichung zulässig ist.

Quellen

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